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Interview mit Gabi Niederau

Referat DE.1, DGT, Europäische Kommission

EU-Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen

Berichtigung einer veröffentlichten Übersetzung der Europäischen Kommission 

Interview mit Gabriele Niederau Referat DE.1, DGT, Europäische Kommission. Das Interview wurde im Oktober 2024 geführt. Das Thema ist nach wie vor aktuell.

Gabriele Niederau ist seit 1991 Übersetzerin bei der Generaldirektion Übersetzung (DGT) der Europäischen Kommission in Brüssel und leitet dort das für Finanzübersetzungen zuständige Team im Referat DE.1.

Anlass für das Interview ist die Korrektur der deutschen Übersetzung der „European Sustainability Reporting Standards“ (ESRS) Set 1.[1] Diese Standards sind ein zentraler Bestandteil der EU-Initiative zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen. ESRS Set 1 besteht aus 12 Standards, die in vier Hauptkategorien unterteilt sind. Sie wurden im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) entwickelt und sind seit dem 1. Januar 2024 in Kraft. Die ESRS sollen sicherstellen, dass Unternehmen umfassend, vergleichbar und transparent über die Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf Umwelt, Gesellschaft und Governance berichten.

Das Interview führte Edith Vanghelof. Edith Vanghelof ist Übersetzerin und organisiert auch Fachseminare für Übersetzer:innen.

[1] „Am 9. August 2024 wurden Berichtigungen zur deutschen Fassung des ESRS Set 1 (European Sustainability Reporting Standard) im EU-Amtsblatt veröffentlicht.“
(https://www.iasplus.com/de/news/2024/august/berichtigung-esrs-set-1 )

 

Interview

 

Edith Vanghelof
Die deutsche Übersetzung der ESRS Set 1 der Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung (European Sustainability Reporting Standards, ESRS) hat Anlass zu Kritik gegeben. Es gab scheinbar viele Ungereimtheiten in der deutschen Version und bei den Übersetzungen von bestimmten Begriffen, die vor allem beim Verband der deutschen Wirtschaftsprüfer auf wenig Gegenliebe gestoßen sind. Dieser Verband hat eine Zusammenstellung der kritischen Stellen verfasst und an die Kommission geschickt. Das Ergebnis war eine neuerliche Veröffentlichung.

Jetzt wollen wir als Übersetzer:innen natürlich gern mehr darüber wissen, was da los war und auch wie so ein Korrekturprozess abläuft. Eine weiterer interessanter Aspekt ist auch die Frage, ob die Fehler wirklich Fehler waren, und falls ja, ob es schwere Fehler waren.

Gabriele Niederau
Die Berichtigung der Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung war ein aufwändiger Prozess, der sehr viel Zeit und Arbeit gekostet hat. Die Übersetzung enthielt in der Tat einige gravierende Fehler wie die Wiedergabe von „fossil fuels“ durch „erneuerbare Energiequellen“ oder die Übersetzung von „revenue“ mit „Einnahmen“ anstatt mit „Umsatzerlösen“. Das größte Problem, das sich durch den gesamten Text zog – es handelte sich um eine freiberuflich vergebene Übersetzung – war aber die streckenweise allzu wörtliche Wiedergabe und der für einen Fachtext nicht adäquate Stil. Zudem war der Text offenbar auf mehrere Übersetzer:innen aufgeteilt worden, denn die Übersetzungsqualität war sehr unterschiedlich. So gab es durchaus auch gute Passagen, die im Rest aber leider etwas untergegangen sind. Uneinheitliche Übersetzungsqualität ist für uns insoweit ein Problem, als wir bei der Evaluierung freiberuflicher Übersetzungen zunächst nur eine Stichprobe überprüfen.

Am generellen Stil der Übersetzung konnte bei der Berichtigung leider nichts geändert werden, denn es handelte sich ja um einen veröffentlichten Rechtsakt, sodass jede Änderung schriftlich begründet und vom Juristischen Dienst abgesegnet werden musste. Eine Umformulierung hätte deshalb sowohl formal als auch zeitlich den Rahmen gesprengt.

Es gab eine ganze Liste von Anmerkungen des „Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee e.V.“[1] sowie der österreichischen und deutschen Behörden. Ich bin die Listen durchgegangen und habe alles, was ich für richtig hielt – und das war fast alles – berichtigt, aber wirklich nur auf begrifflicher Ebene. Nur an Stellen, an denen ganz eindeutig Bezugsfehler vorlagen, habe ich auch den Satz geändert. Aber schon das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen.

 [1] DRSC, siehe https://www.drsc.de/

Edith Vanghelof
Danke für diese ausführliche Antwort. Ich möchte an dieser Stelle eine Frage von einer Kollegin weitergeben: Ist bei so einem Text ein besonderer Ablauf definiert oder kam in diesem Fall der Standardablauf für Übersetzungen zum Tragen? Eigentlich müsste man ja vorab die Terminologie festlegen, zum Beispiel.

Gabriele Niederau
Wenn die Zeit es erlaubt, stellen unsere Terminologen vor Beginn einer so langen (und wichtigen) Übersetzung die einschlägige Terminologie in Termbanken zusammen, die wir dann auch an unsere Freiberufler weiterleiten. Dies war im vorliegenden Fall aber leider nicht möglich.

Edith Vanghelof
Ja, das wäre der Idealfall. Das ist ein Thema, das nicht wirklich klar ist. Wie läuft eigentlich dieser Prozess ab? Ist es so, dass Sie in der DGT die fertigen Übersetzungen von externen Lieferant:innen bekommen?

Gabriele Niederau
Da würde ich sehr gerne nochmal einhaken und ein bisschen auf die Geschichte dieses ganzen Dossiers eingehen, da ansonsten nicht verständlich ist, warum es zu einem solchen Ergebnis gekommen ist.

Edith Vanghelof

Genau das ist die interessante Frage.

Gabriele Niederau

Der Text wurde monatelang angekündigt, sein Eingang verzögerte sich aber immer weiter, nur der Abgabetermin blieb unverändert, da politisch gewollt war, die Standards noch vor der Sommerpause zu verabschieden. Normalerweise gelten bei uns Vorgaben für an das Seitenvolumen gekoppelte Fristen. Davon kann in besonders dringenden Fällen abgewichen werden und genau das war hier der Fall. Da unser Team relativ klein ist, hatten wir keine andere Möglichkeit, als den Text an Freelance zu vergeben.

Edith Vanghelof
Aber es gibt doch sehr viel zu übersetzen im Finanzbereich.

Gabriele Niederau
Ja. Einen großen Teil dieser Übersetzungen vergeben wir nach außen, evaluieren die Freelance-Übersetzungen und überarbeiten sie bei Bedarf.

Als der Text dann endlich bei uns eintraf, gab es zunächst große Formatierungsprobleme, denn er war ja nicht bei der Kommission, sondern beim ISSB (International Sustainability Standards Board) verfasst worden. Diese Formatierungsprobleme mussten erst gelöst werden, um den Text mit unserem CAT-Tool übersetzen bzw. nach außen vergeben zu können. Dann hat es nicht lange gedauert, bis sich herausstellte, dass die erste englische Fassung zahlreiche Mängel und Inkohärenzen enthielt. Die Liste der Fragen zum Text war schier endlos, und die Antworten auf die Fragen wurden stets an die Freiberufler weitergeleitet. Leider dürfen wir zu unseren freiberuflichen Übersetzerkolleg:innen keinen direkten Kontakt haben. Die Kommunikation findet immer über das Unternehmen, für das sie arbeiten, statt. Sie können uns über einen Vordruck Fragen stellen, was sie in diesem Fall auch getan haben, und wir beantworten die Fragen und schicken das Ganze so schnell wie möglich zurück.

Edith Vanghelof
Es gibt keinen direkten Austausch.

Gabriele Niederau
Nein. Alles ist anonymisiert. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Fassungen wir bekommen haben. Bei der Länge des Textes ist jede neue Fassung natürlich mit gewissem Aufwand verbunden und kostet wertvolle Zeit, die für die Übersetzung verloren geht.
Das größte Problem in diesem Fall war der enorme Zeitdruck.

Edith Vanghelof
Das heißt, wenn ich mir jetzt ein Bild mache: Sie haben einen Ausgangstext erhalten, der mangelhaft war und viele Umstände verursachte, bis Sie den Text vergeben konnten. Haben Sie es gestückelt und so an den externen Dienstleister vergeben?

Gabriele Niederau
Wir haben den Text nicht gestückelt, sondern ihn als einen Auftrag vergeben.

Edith Vanghelof
Das heißt, dass sie von Ihnen einen Gesamttext bekommen. Die Frage ist, wie externe Unternehmen den Auftrag dann handhaben.

Gabriele Niederau
Das wissen wir nicht. Ich hatte nur den Eindruck, dass die Übersetzungsqualität nicht durchgängig gleich war, was darauf hindeutet, dass unterschiedliche Personen am Werk waren.

Die Geschichte geht aber noch weiter. Der Text hatte an einem Montag Anfang August Termin. Am Freitag davor erhielten wir um 17.00 Uhr eine Änderungsfassung von 56 Seiten ohne jede Fristverlängerung. Aufgrund der bevorstehenden Sommerpause war eine Verlängerung nicht möglich. Wir hatten keinerlei Kapazitäten, diese Änderungsfassung intern zu bearbeiten, sodass wir außerordentlich froh und dankbar waren, dass die Freiberufler uns diese Änderungen abgenommen haben. Eine/r der Beteiligten muss sich über das Wochenende hingesetzt und all diese Änderungen eingearbeitet haben. Übersetzungsfehler wie „fossil fuels“ = „erneuerbare Energiequellen“ sind unter solchen Umständen natürlich kein Wunder.

Die einzige Möglichkeit, den Freiberuflern entgegenzukommen, bestand darin, ihnen so viel Zeit wie möglich zu geben, um diese Mammutaufgabe zu bewältigen.

Der Text kam am Montagmorgen zurück und hatte um 12.00 Uhr Termin. Es konnte nurmehr das Format überprüft werden. Bei der Freelance-Vergabe planen wir die Rückgabe immer so, dass für die Überprüfung der Stichprobe und möglichst auch für eine weitergehende Revision genug Zeit bleibt. Aber die umfangreiche Änderungsfassung im letzten Moment hat das völlig unmöglich gemacht.

Wir haben von Anfang an befürchtet, dass dieser Auftrag uns noch weiter beschäftigen würde und so ist es dann ja auch gekommen. Es dauerte nicht lange, bis die Berichtigungsanfragen aus Österreich und Deutschland eintrafen, aber auch die Mängel im englischen Original waren zwischenzeitlich aufgefallen. Nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, zunächst das englische Original zu berichtigen und sich erst dann der Berichtigung der verschiedenen Sprachfassungen zuzuwenden.

Edith Vanghelof
Das heißt, die anderen Sprachen haben genau dieselben Probleme gehabt.

Gabriele Niederau
Ja, wenngleich nicht alle im gleichen Umfang.

Edith Vanghelof
Wir haben uns gefragt, ob nur die Deutschen so pingelig sind.

Gabriele Niederau
Nein, betroffen waren auch die Dänen, die Esten, die Finnen, die Franzosen, die Italiener, die Letten, die Litauer, die Malteser, die Niederländer, die Polen, die Portugiesen, die Rumänen, die Schweden, die Spanier, die Tschechen und die Ungarn.

Die Qualitätsprobleme beim Original dürften u. a. auch darauf zurückzuführen sein, dass der Text vermutlich nicht nur von Muttersprachlern verfasst wurde. Solche Originale, die bei uns an der Tagesordnung sind, erschweren den Einsatz der maschinellen Übersetzung. Eine Maschinenübersetzung funktioniert gut, wenn die Sätze kurz und klar sind und das Original fehlerfrei ist. Wir haben es aber häufig mit verschachtelten Originalen, inhaltlich anspruchsvollen Texten sowie sprachlichen Mängeln zu tun und wenn man über so einen Text die Maschine laufen lässt, ist der Korrekturaufwand erheblich.

Edith Vanghelof
Wissen Sie immer, ob die externen Lieferant:innen maschinelle Übersetzung einsetzen?

Gabriele Niederau

Nein, das wissen wir nicht, aber wir gehen davon aus. Unser Externalisierungsprozess ist stark automatisiert. Standardmäßig mitgeschickt werden der Abgleich mit dem zentralen Speicher, der Abgleich mit EUR-Lex[1], d. h. mit dem Rechtsbestand der EU, und die Maschinenübersetzung (MT). Zudem überprüfen wir, was sonst noch für unsere Auftragnehmer relevant sein könnte und schicken Termbanken und sonstige nützliche Hinweise mit. Die Freelancer sind angehalten, Maschinenübersetzungen kritisch zu überprüfen. Inwieweit diese Vorgabe eingehalten wird, zeigt dann die Evaluierung.

Edith Vanghelof
Ich hätte da eine Frage. Die MT, die sie mitschicken, ist das Ihr eigenes System?

Gabriele Niederau
Ja.

Edith Vanghelof
Das heißt, die MT, die Sie mitliefern, ist nur eine Hilfe.

Gabriele Niederau
Natürlich. Auch intern verwenden wir die MT und sie ist manchmal sehr hilfreich. Gerade wenn man in Bereichen arbeitet, in denen man sich nicht so gut auskennt, bringt sie einen oft auf die richtige Terminologie, die man ansonsten mühevoll recherchieren müsste. Die MT beschleunigt die Recherchen, entbindet aber natürlich nicht davon, das Ergebnis zu überprüfen.

Edith Vanghelof
Das heißt, die MT, die Sie intern haben, ist speziell mit den richtigen Dokumenten für Ihren Fachbereich gefüttert. Das ist ja schon ein Fortschritt.

Gabriele Niederau
Nein, über Fachbereichs-MTs verfügen wir nicht. Unsere MT schöpft aus unserem zentralen Speicher, der sämtliche Fachbereiche und Rechtstexte umfasst. Ein verbreitetes Problem bei der MT ist dennoch die fehlende Konsistenz, d. h. die MT liefert für ein und denselben Begriff unterschiedliche Übersetzungen.

Edith Vanghelof
Danke für die Ausführungen. Jetzt haben wir ein Bild, wie die fehlerhafte Übersetzung der ESRS Set 1 das zustande kam. Auch interessant ist, dass es auch die anderen Sprachen betroffen hat, nicht nur das Deutsche.

Viele haben ein idealisiertes Bild von dem Übersetzungsprozess bei der EU. Man glaubt, dort gibt es viele Ressourcen und Geld und in dieser perfekten Welt kann man gut arbeiten.

Gabriele Niederau
Das ist leider so nicht ganz zutreffend. Auch bei uns muss gespart werden.

 
In der idealen Welt – Terminologie

 

Edith Vanghelof
In der idealen Welt erstellt man zuerst eine Terminologie, die geklärt und definiert ist. Diese Terminologie bekommen alle Übersetzer:innen und externe Lieferant:innen. Damit haben sie zumindest einen Anhaltspunkt, was sie verwenden dürfen und was nicht. Das würde die Qualität erhöhen.

Gabriele Niederau
Ja, wenn die Zeit es erlaubt, machen wir das auch so. Wir haben Terminologen, die wir im Vorfeld eines Übersetzungsauftrags um die Erstellung einer Fachbereichstermbank bitten können. Zurzeit haben wir ein großes Paket zum Thema Kryptowährungen in Arbeit. Dabei handelt es sich um eine große Anzahl an Durchführungsbestimmungen zu zwei Basisrechtsakten (DORA, Digital Operational Resilience Act und MiCa, Markets in Crypto-assets Regulation). Diese Aufträge sind seit Langem angekündigt, kommen zeitversetzt und haben auch zeitversetzt Termin. In diesem Fall haben wir die Terminologen gebeten, für jeden dieser Basisrechtsakte eine Termbank zu erstellen. Diese wird bei der freiberuflichen Vergabe eines Auftrags mitgeschickt. Beim Erstellen der beiden Termbanken ist allerdings aufgefallen, dass es zwischen den beiden Basisrechtsakten terminologische Abweichungen gibt. Zudem hat die EBA[2] auf ihrer Webseite Leitlinien zu diesem Thema veröffentlicht. Diese enthalten am Anfang eine kleine Terminologie-Tabelle. Und auch diese Terminologie weicht in Teilen von der Terminologie der Rechtsakte ab. Selbst bei terminologischer Vorbereitung kann es also Probleme geben. Für die (verhältnismäßig) neuen Behörden EBA, ESMA[3] und EIOPA[4] sind wir aber nicht zuständig.

Edith Vanghelof
Die “Translation Centre for the Bodies of the European Union” (CdT) ist für die Übersetzungen der oben genannten Behörden zuständig.

 
Eine unendliche Vielzahl an Fehlerquellen

 

Gabriele Niederau
Ja genau, dieses Zentrum ist in Luxemburg angesiedelt. Meines Wissens vergibt das CdT einen Großteil seiner Aufträge nach außen. Was ich also sagen will, ist, dass es in diesem Fall drei Bezugspunkte gibt: die beiden Verordnungen und die Leitlinien der EBA. Und die Terminologie ist nicht völlig deckungsgleich. Inkohärente Terminologie stellt uns bei der Übersetzung immer wieder vor Probleme. Die Gründe für terminologische Inkohärenzen liegen wohl in der Vielzahl der Akteure (ein Rechtsakt im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren durchläuft Kommission, Rat und Parlament mit den jeweiligen Übersetzungsdiensten) und den zahlreichen Änderungen von Rechtsakten begründet.

Deshalb bleibt den Übersetzern, ganz gleich, was in der Termbank steht oder was das Retrieval oder die Maschine ausspucken, bei Verweisen nichts anderes übrig, als stets zu überprüfen, was an der betreffenden Stelle im Rechtsakt steht. Für eine korrekte Übersetzung führt daran einfach kein Weg vorbei.

Edith Vanghelof
Hat man aus der Erfahrung mit den Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung den Schluss gezogen, dass man im Prozess Verbesserungen und Anpassungen umsetzen sollte, um Fehler zu minimieren?

Gabriele Niederau
Auf das, was dem Eingang eines Textes bei uns vorausgeht, und das, was danach kommt, haben wir leider keinen Einfluss. Unsere eigenen Prozesse ermöglichen normalerweise die Korrektur von Fehlern und eine weitergehende Revision. Extern übersetzte Texte werden standardmäßig einer Stichprobe unterzogen. Ergibt die Stichprobe Qualitätsmängel, wird eine Revision durchgeführt. Im vorliegenden Fall war aber, wie gesagt, dafür keine Zeit.

Edith Vanghelof
Das heißt, dass das Problem in erster Linie Zeitmangel ist. Eigentlich ist der Prozess schon aufgesetzt, dass er passen würde, und aus Zeitmangel werden dann Schritte ausgelassen.

Gabriele Niederau
Genau.

Edith Vanghelof
Wenn Sie diesen automatischen Qualitätscheck durchführen, gibt es die Option, den Text an die Lieferant:innen zurückzuschicken? Oder ist das dann zeitlich noch umständlicher?

Gabriele Niederau
Theoretisch ist das möglich, doch wir wollen den Freiberuflern so viel Zeit wie möglich geben und verlangen die Aufträge in der Regel einige Tage vor dem Abgabetermin zurück, sodass wir noch Zeit für die Überprüfung und gegebenenfalls Revision haben.

Edith Vanghelof
Es wäre nämlich dann die Frage, ob es den externen Lieferant:innen klar ist, dass so viel überarbeitet werden muss.

Gabriele Niederau
Die Feedback-Datei, die unsere Freiberufler erhalten, umfasst auch die von uns bearbeitete XLIFFF, aus der alle am Text vorgenommenen Änderungen hervorgehen. Aus Fairnessgründen stützt sich unsere Benotung ausschließlich auf die Stichprobe, die automatisch erstellt wird.

Etwas anders sieht es aus, wenn noch Änderungsfassungen eingehen und diese von uns intern bearbeitet werden. In einem solchen Fall evaluieren wir zunächst die Stichprobe und legen dann die neue Fassung an. Die Änderungen, die wir im Zuge der neuen Fassung auch an der Freelance-Übersetzung vornehmen, sieht der Freelancer dann natürlich nicht.

Edith Vanghelof
Die Illusionen im Moment sind, dass die Übersetzungen automatisiert erstellt werden und dann auch die Qualitätskontrolle automatisiert erfolgt. Das soll die KI machen. Wie gut das funktionieren kann und wie gut das dann wirklich umsetzbar ist, weiß ich nicht. Aber ich bin sehr skeptisch.

Gabriele Niederau
Im Finanzteam übersetzen wir zum allergrößten Teil Verordnungen, d. h. Rechtsakte, die unmittelbar in jedem Mitgliedstaat gelten. Angesichts der möglichen rechtlichen Folgen wäre es fahrlässig, sich nur auf KI zu verlassen. Ohne den Menschen kommen wir hier einfach nicht aus.

Edith Vanghelof
Wird in Zukunft alles irgendwie besser werden?

Gabriele Niederau
Das wird die Zukunft zeigen, aber ich denke, dass es immer wieder Fälle geben wird, in denen es aufgrund hohen politischen Drucks, schlechter Qualität der Originale und knapper Personalausstattung in der Praxis zu Problemen kommt.

Manchmal sind Formulierungen aus politischen Gründen ja auch absichtlich vage gehalten, und das ist auch für uns nicht immer ohne Weiteres erkennbar.

Wir versuchen, unsere Abläufe optimal zu gestalten, aber auf viele Faktoren haben wir einfach keinen Einfluss. Bei langen Texten liegen manchmal einige Monate zwischen dem Eingang und dem Abgabetermin. In dieser Zeit kann sich viel ändern. Der Termin kann verschoben oder (in seltenen Fällen) vorgezogen werden oder die Prioritäten können sich ändern. Ich würde sagen, dass die Prozesse, die wir in der Theorie haben, gut sind. Wenn man uns genügend Zeit gibt, können wir gute Qualität liefern.

Edith Vanghelof
Ja, die Rahmenbedingungen sind nicht optimal.

Gabriele Niederau
Wir sind immer vom vorgelagerten politischen Prozess abhängig. Je länger dort die Diskussionen dauern, desto später geht der Auftrag bei uns ein.

Edith Vanghelof
Ich bedanke mich für die Einblicke in den Übersetzungsprozessen der Kommission und für das ausführliche Gespräch.

 

[1] https://eur-lex.europa.eu/homepage.html

[2] European Banking Authority, https://www.eba.europa.eu/homepage

[3] European Securities and Markets Authority, https://www.esma.europa.eu/

[4] European Insurance and Occupational Pensions Authority, https://www.eiopa.europa.eu/index_en